16.12.08 Identitätskrise bei Importhengsten? Eine rein theoretische Erörterung ...

Aus Islandpferde Vossbarg Wiki

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Stellen wir uns doch mal folgende Situation vor: Man ist auf der Suche nach einer guten Zuchtstute, fährt nach Island, findet dort das passende Pferd, bekommt die Bescheinigung der erfolgreichen Bedeckung durch einen der besten Zuchthengste aller Zeiten und freut sich darauf, die tragende Stute nach ihrem Export schon bald in Deutschland begrüßen zu können. Dieses Prozedere ist ja grundsätzlich nichts Außergewöhnliches, netter Nebeneffekt des "Tragend-Exports": hat man die Bedeckung selbst veranlasst (was wiederum im Zweifelsfall kaum jemand kontrollieren kann), kommt man außerdem noch in den Genuss, der frisch geborenen Leibesfrucht bereits seinen eigenen Gestütsnamen verleihen zu dürfen. "Von und zu" statt "frá".

Stellen wir uns weiterhin vor, das Fohlen ist als Hengst zur Welt gekommen, und in den folgenden Jahren wächst und gedeiht es bzw. er prächtig. Das Pferd macht im Alter von vier Jahren dann auch sehr gute Fortschritte in seiner Grundausbildung, wird später für Noten deutlich über 8 bei einer Materialprüfung sowie ebenso anständig im Sport vorgestellt, ist natürlich längst erfolgreich gekört ... und darf - aufgrund seiner guten Eigenleistung plus seinem edlen Stammbaum - allsommerlich die holde Weiblichkeit beglücken.


"Viel Erfahrung", ein "gutes Auge", zumindest aber einen "Glücksgriff" wird man dem Züchter bescheinigen. Wird der Hengst dann irgendwann verkauft und kommt bei seinen neuen Eigentümern ebenfalls in Sport und Zucht zum Einsatz, darf man auch ihnen von Herzen gratulieren.

Soweit die Theorie, allerdings zeigt auch die Praxis glücklicherweise nicht wenige solcher Beispiele, in denen alles "nach Plan" läuft. Und dann gibt es im Laufe der Geschichte auch immer die Fälle für's Kuriositäten-Kabinett.

Rein hypothetisch ist nämlich auch folgendes Szenario denkbar: Der im Mutterleib importierte Hengst ist gesund zur Welt gekommen, entwickelt sich äußerst vielversprechend, wird in Zucht und Sport gut benotet, steht über etliche Jahre fleißig im Deckeinsatz, und einer seiner eigenen Nachkommen ist schließlich so begehrt, dass auch dieser "neue" Junghengst wiederum gekört werden soll.

Geschieht das im skandinavischen Ausland, z.B. in Schweden, sei der Blick von Stammbuch & Co. dort oftmals deutlich besser geschärft als hierzulande, erzählt man sich. Bei dem potenziellen Neu-Vererber werden also nicht nur die körperliche Unversehrtheit (und die Vollständigkeit sämtlicher "Aktivposten") und seine Papiere unter die Lupe genommen. Obendrein wartet ein detaillierter DNA-Test, um neben der dokumententechnisch belegten Reinrassigkeit auch die zweifelsfreie Zuordnung zum eigenen Stammbaum nachzuweisen.

Bei den Behörden, die es ganz genau nehmen, wird zu diesem Zweck aus dem einfachen Vaterschaftstest sogar ein erweiterter Opaschaftstest. Es müssen also zwei Generationen überprüft und mit dem Junghengst abgeglichen werden. "Kein Problem", sollte man meinen: auf den Vater und dessen Haarschopf hat man ja schließlich bestimmt noch direkten Zugriff, und das Erbgut des Großvaters - erst recht wenn es sich um die bekannten Spitzenvererber handelt - liegt möglicherweise bereits als DNA-Muster vor.

Soweit auch hier die Theorie bzw. das praktische Gerüst - nichts wirklich Spannendes. Dazu wird es erst, wenn das Labor dem Junghengst-Eigentümer folgende Kunde überbringt: "Glückwunsch, Ihr Junghengst ist der Sohn seines Vaters. Der Vater ist aber nicht der Sohn des Elite-Opas!" Wie würde man wohl selbst auf eine solche Nachricht reagieren? Welche Konsequenzen hat soetwas? Sind auf einmal ganz viele Stammbäume der Nachkommen ungültig?

Nochmal im Klartext: Man kauft eine tragende Stute auf Island, erhält ohne eigenen Pfusch eine Deckbescheinigung mit - sagen wir mal rein theoretisch ... - Orri frá Þúfu als "edlem Spender", bekommt daraus einen Hengst, zieht ihn auf, stellt ihn in Zucht und Sport vor, vermarktet ihn (stets natürlich als Orri-Sohn ... in diesem theoretischen Falle ...), findet später glückliche neue Besitzer, und auch diese sperren ihn natürlich nicht in eine dunkle Box, sondern lassen ihn decken und laufen.

Erst beim Zwei-Generationen-Abstammungstest in Schweden offenbart sich dann ein mögliches Dilemma, das über die inzwischen - nehmen wir mal eine beliebige Zahl - rund 14 Jahre seit der isländischen Empfängnis (möglicherweise durch einen vom dortigen Hofbesitzer unbeabsichtigt Deck-Amok laufenden Fremdhengst) niemals aufgefallen ist. Insbesondere wenn der im Mutterleib importierte Hengst nicht gerade wenige sowohl rein phänotypische, also erscheinungstechnische äußere, wie auch gangmechanische Merkmale und die "gefühlte Ausstrahlung" seines vermeintlichen Vaters mitbringt.

Genug Theorie für heute - sobald neue praktische Erkenntnisse aus der tatsächlich aktuell bean- und beauftragten B-Probe eines realen neuen Falles vorliegen (diese Aufschlüsse könnte möglicherweise eine Untersuchung weit weg von Schweden nahe der deutsch-französischen Grenze liefern), wird isibless das "Mysterium" entschlüsseln. Versprochen ;-)


Dieser Text wurde uns freundlicherweise von Henning Drath isibless zur Verfügung gestellt.



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